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Los Stopp Schade

oder Olga macht den Führerschein

Prolog

1,2 Millionen zugelassenen Pkw’s verstopfen in Berlin die Straßen und Plätze und das mit zunehmender Tendenz.

Hinzu kommen Lkw’s, Motorräder und sonstige Fahrzeuge. Wer seinen Randbezirk verlässt, wird sehr schnell merken, dass er ins Chaos fährt. In den täglichen Wahnsinn, der auf unseren Straßen herrscht. Dicke SUV’s quetschen sich durch kleine Gassen, darin eine 1,60 kleine Person auf dem Weg zum Bäcker, die mit einem Fiat Panda schon ausreichend motorisiert wäre. Gefühlte Hunderte Radfahrer in einer Schlange, geführt von einem Touristenführer, der wohl das Motto ausgegeben hat: „Wer bremst verliert“.

1,2 Millionen Pkw’s sind in Berlin unterwegs. Hinzu kommen noch Berufspendler, die die Zahl erheblich nach oben treiben. Es sind aber nicht nur die Fahrzeuge, die Probleme bereiten, es sind die Fahrer. Denn wir haben somit auch mehr als 2 Millionen unterschiedliche Meinungen die da unterwegs sind …und jeder hat Recht.

80 Prozent der deutschen Autofahrer halten sich für gute Autofahrer. Dagegen stehen fast 2.700.000 Unfälle, die 2017 polizeilich erfasst wurden. Man muss kein Mathematikgenie sein, um hier einen erheblichen Widerspruch zu bemerken. Dem Autofahrer scheint eine gesunde Selbsteinschätzung offensichtlich nicht gegeben.

Und es wird nicht besser…

Wer heutzutage sein Haus verlässt, sollte erst einmal deutlich nach rechts und links schauen, ob er nicht von einem wild gewordenen E-Scooter-Fahrer überrollt wird, der auf dem Gehweg mit 20 km/h dahinsaust und diesen scheinbar als eine lange Kegelbahn betrachtet und alles abräumt, was sich ihm in den Weg stellt.

Und wer dann noch weiß, wo er am Abend zuvor sein Fahrzeug geparkt hat und es schafft, auf dem Weg dorthin ohne Verletzungen einen Slalom zwischen umgefallenen Mietfahrrädern, kaputten Glasflaschen und sonstigem Gerümpel zu absolvieren, der hat oftmals den schwierigsten Part seiner Tour schon  überwunden.

Aber es gibt sie noch…

die netten Fahrzeugführer. Diejenigen, die mit dem Auto geduldig warten bis Oma langsam die Fahrbahn überquert hat, den Radfahrer der seine Fahrtrichtungsänderung deutlich anzeigt und sogar an einer roten Ampel anhält.

Es könnte so schön sein auf unseren Straßen. Etwas mehr Toleranz, eine gewisse Bereitschaft sich an bestehende Regeln zuhalten und etwas soziale Kompetenz.

Wer als Fahrlehrer in Berlin unterwegs ist, hat in den letzten Jahren gelernt umzudenken. Aus einer „normalen“ Fahrstunde wird so schnell ein reines Survival-Training.

Und es werden immer mehr…

Oft frage ich mich, ob ich es mir heute nochmal antun würde, einen Führerschein zu machen.
Es wird nun mal nicht leichter für die heutigen Bewerber. Aber die Fahrschulen sind gut ausgebucht und es scheint sich so schnell auch nicht zu ändern. Immer neue Fahrschüler sitzen im Theorieunterricht und dann kommt auch noch Olga – denn Olga macht den Führerschein!

 

 

In der Theorie

Zweimal in der Woche findet am Abend der theoretische Unterricht statt. 14 mal 90 Minuten müssen die Fahrschüler, die die Klasse B erwerben wollen, am Unterricht teilnehmen.

Einige haben zu dieser Zeit schon einen langen Arbeitstag hinter sich, sind etwas müde und erschöpft. Andere beschäftigen sich mit ihrem Handy. Deren Interesse am Unterricht scheint etwas begrenzt zu sein. Doch das Gros ist interessiert und arbeitet mit.

Natürlich möchte ich schon, dass alle dem Unterricht folgen. Also was tun?

Ich entschließe mich zu folgenden einleitenden Worten:
„‚Wie ihr wisst, ist für den Erwerb einer Fahrerlaubnis die geistige und körperliche Eignung eine wesentliche Voraussetzung. Wer seine Bescheinigung über seine geistige Eignung noch nicht abgegeben hat, bringt sie bitte zur nächsten Stunde mit.“

Es wird ruhig. Kurz erschrecke ich mich, als ich Anton ansehe. Ich befürchtete, dass ihm die Augen rausfallen würden, aber ich hatte mich zum Glück geirrt. Egal. Alle sahen nach vorn, Handys waren uninteressant und es konnte losgehen. Leider sah ich mich gezwungen, meine Eingangsbemerkung dann doch  aufzulösen. Eine derartige Bescheinigung gibt es leider nicht. Der Gesetzgeber geht erstmal davon aus, dass Bewerber in dieser Hinsicht fit genug sind. Manchmal ein Fehler.

Obwohl ja viele Fahrschüler mit dem Fahrrad zum Unterricht erscheinen und man davon ausgehen müsste, dass sie die wesentlichen Verkehrsregeln beherrschen, ist es immer wieder erstaunlich, dass viele die einfachsten Regeln nicht kennen.

Es ist ja auch kein Wunder, wenn man sieht, wie Eltern ihren Kindern heut zu Tage das Radfahren beibringen. Rechts vor links ist offensichtlich nur eine Empfehlung und das Über-queren eines „Zebrastreifens“ fahrenderweise, scheint demnächst eine olympische Disziplin zu werden und alles ist fleißig am Trainieren.

Olga gehört offensichtlich nicht zur schweigenden Fraktion der Fahrschüler. Sie stellt Fragen zu den Themen, ob Vorfahrt oder was auch immer. Und das Beste dabei, sie haben sogar einen Sinn. Das gibt Hoffnung für die Praxis.

Es ist nicht selten, dass die eine oder andere Frage zuerst als Spaß aufgefasst wird und sich dann doch als ernstgemeint erweist. Es gibt keine dummen Fragen sagt man, aber die Praxis sieht anders aus.

Doch an dieser Stelle mal ein Lob an alle Fahrschüler die im Unterricht den Mund aufmachen, Fragen stellen und sich auch mal trauen eine Antwort zu geben. Das bringt Schwung in die Bude. Auch wenn die Antwort mal nicht perfekt ist, das Erlernte bleibt haften und auch die anderen anwesenden Fahrschüler können davon profitieren.

Hier über den Theorieunterricht zu berichten wäre müßig: Fragen, die man lieber nicht gehört hätte - Antworten, deren Sinn sich bis heute nicht erschlossen haben - Stimmen von Kommentatoren in Lehrfilmen, die man eher Kermit dem Frosch zuordnen würde. Man sieht, es würde ganz schön gruselig. Aber wir wollen ja auch etwas Spaß haben und beschränken uns daher lieber auf den praktischen Teil der Ausbildung.

Fahrstunden im Berliner-Zentrum sind eine Herausforderung für Fahrschüler und Fahrlehrer- und manchmal auch für das Fahrzeug. Und diese Erfahrung machte nun auch Olga.

 

 

1.Fahrstunde

Heute ist Olgas erste Fahrstunde. Pünktlich erscheint  sie im Büro. Gut gelaunt und lächelnd.
Das ist nicht immer so. Viele sind eher ruhig bis ängstlich bei der ersten Fahrstunde. Ich kenne Olga ja schon aus dem Theorieunterricht und weiß einige Dinge über sie. Olga stammt aus der Ukraine. Lebt seit vielen Jahren schon in Deutschland und beherrscht die deutsche Sprache besser als manch ein Abiturient. Ihren russischen Dialekt aber kann sie nicht verbergen.

Der notwendige Papierkram ist schnell erledigt und wir können loslegen. Auf dem Weg zum Auto nutze ich die Gelegenheit, noch die eine oder andere Frage zu stellen. Der Klassiker aller Fragen: Bist du schon mal gefahren? Olga sagt nein. Das sollte auch der Normalfall sein. Aber oft haben Fahrschüler schon vorher mit einem Elternteil erste Fahrversuche unternommen. Man hofft, dass dies auf dafür vorgesehenen Plätzen stattgefunden hat. Dann stellt Olga die Frage, die fast jeder Fahrschüler stellt: „Was machen wir denn heute?“. Ich erkläre ihr im Schnelldurchlauf den Ablauf der ersten Stunde. Wir fahren auf einen großen Parkplatz am Alex, dann erkläre ich ihr die wichtigsten Dinge am Auto und dann kommen die ersten Fahrversuche.

Gesagt, getan. Ich fahre also mit Olga auf dem Beifahrersitz auf unseren Parkplatz, den auch einige Fahrlehrerkollegen gern nutzen, um mit Fahrschülern die ersten Anfänge zu üben. Der einst recht große Parkplatz war mal so etwas wie ein Geheimtipp. Reichlich viel Platz, sodass sogar Motorradfahrschüler dort ihre Kreise drehen konnten. Heute ist ein großer Teil eine Baustelle, da ein angrenzendes Gebäude saniert wird. Und zu allem Überfluss steht mitten auf dem verbleibenden Platz, die Plattform eines ehemaligen Autoscooter-Fahrgeschäfts. Wie passend. So etwas dürfte es wohl nur in Berlin geben. Keine Parkplätze aber Platz für Kunst.
Das soll es angeblich sein – Kunst! Hier stellt sich mir die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? Das kann weg!

Dort angekommen, tausche ich mit Olga die Plätze. Ich erkläre ihr zuerst, wie sie sich den Sitz einstellen muss. Der richtige Abstand zu den Pedalen, die richtige Sitzhöhe und die Einstellung von Rückenlehne und Kopfstütze. Olga pumpt den Sitz nach oben. Die zu einem Knoten zusammengebundenen Haare stoßen an die Decke. Also wieder Sitz nach unten. Sitz nach vorne, hin und her, irgendwann passt es. Knie noch angewinkelt, alles gut. Dann die Spiegel einstellen. Das mit dem Innenspiegel ist schnell erledigt. Bei den Außenspiegeln wird es interessanter. Obwohl Olga am richtigen Knöpfchen dreht passiert nichts. Kein Wunder, elektrische Dinge benötigen Strom, um funktionieren zu können. Wie kommen wir nun an Strom? Olga kommt auf die Idee, am Schlüssel zu drehen – nicht schlecht! Olga  dreht am Schlüssel, es passiert wieder nichts. Sie kann ja auch nicht wissen, dass ich es nicht versäumt hatte, vor dem Aussteigen das Lenkradschloss zu verriegeln. Zum Glück ist Olga multitaskingfähig. Lenkrad und Zündschlüssel gleichzeitig drehen – Problem gelöst. (Warum dieses kleine Detail Fahrschülern oftmals bis zum Prüfungstag ein Problem bereitet ist mir unklar.)

So nun den Schlüssel noch etwas weitergedreht – wir haben Strom!
Olga dreht wieder am Knopf für die Spiegeleinstellung, es funktioniert. So arbeiten wir uns Stück für Stück vorwärts. Dann kommen die wesentlichen Einrichtungen am Fahrzeug dran. Lichtschalter, Blinker und die Instrumente wie Drehzahlmesser und Tacho. Alles im Schnell-durchlauf. Wir wollen Olga ja nicht überfordern und für Details bleibt noch genügend Zeit in anderen Fahrstunden.

 

Dann geht es weiter…….Gas, Bremse und Kupplung. Die leidige Kupplung zu erklären ist schon eine Herausforderung. Aber hier gilt: Learning by doing, oder auch Lernen durch Schmerzen.

Nachdem ich versucht habe Olga den Unterschied zwischen einem Schneebesen, der wohl in fast jeder Küche vorzufinden ist, und einem Schalthebel zu erklären sind wir eigentlich startbereit. Sicherheitshalber lasse ich Olga mal alle Gänge durchschalten, als Trockenübung.
Offensichtlich sollte ich an dieser Stelle meine Erklärungen mal verbessern. Olga verwendet die Schneebesentaktik – schnell, kraftvoll, kreuz und quer. Zum Glück benötigen wir heute nur den 1.und 2.Gang und die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

Genug Theorie, es geht los! Olga startet den Motor, zumindest versucht sie es. Aber, obwohl sie den Zündschlüssel weiterdreht, der Motor springt nicht an. Im Auto wird es enger. Den meisten Platz nimmt ein großes Fragezeichen ein, das über ihrem Kopf erschienen ist. Ich sage zu ihr: “Wer lesen kann ist im Vorteil.“ Es wird noch enger im Auto! Ich deute auf das Display am Armaturenbrett. Deutlich zu lesen steht da: „zum Starten die Kupplung betätigen“. Also zweiter Versuch. Olga tritt beim Starten auf die Kupplung, der Motor springt an. Ersten Gang einlegen und die Kupplung langsam kommen lassen. Es passiert was passieren muss. Wir hüpfen mit dem Auto nach vorn, Motor aus und Olga ist überrascht. Ich nicht. Langsam scheint offensichtlich sehr relativ zu sein. Also nochmal, Übung macht den Meister. Diesmal schafft sie es, das Auto fährt los – irgendwie. Nach einigen Wiederholungen funktioniert das Anfahren so halbwegs und Olga zieht langsam ihre Kreise über den Parkplatz. Leider ist die Strecke zum Geradeausfahren ja begrenzt und der Bauzaun nähert sich bedrohlich unserem Auto. „Du musst lenken, sage ich“. Olga lenkt – bis zum Anschlag. Das Problem mit dem Bauzaun ist gelöst, dafür steuern wir nun direkt auf das Fahrgeschäft zu. Zu allem Überfluss erscheint nun auch noch ein Bauarbeiter, der den Parkplatz überqueren will. Zaun, Bauarbeiter und Fahrgeschäft, zu viel für Olga. Mit voller Kraft tritt sie auf die Bremse. Alles im Auto bewegt sich nach vorn. Wir auch. Olgas Kommentar: „Ach du meine Fresse“. Ich war etwas erstaunt über die burschikose Äußerung. Noch wusste ich ja  nicht, dass sich Olga  in dieser Hinsicht noch ganz schön steigern konnte.

Kurz mal tief durchatmen und weiter geht’s. Anfahren, Anhalten und immer noch einmal. Das Anfahren wie gesagt klappt inzwischen, das Anhalten aber entwickelt sich bei jedem zweiten Versuch eher zu einer Gefahrenbremsung. Aber man soll ja auch nicht zu viel erwarten. Betrachten wir das mal als, einen kleinen Schönheitsfehler. Inzwischen traut sich Olga sogar zu etwas Gas zugeben. Die Gelegenheit, auch mal in den zweiten Gang zu schalten. Es ist erstaunlich, was für Geräusche so ein Fahrzeug entwickeln kann. Meine Hoffnung, dass alle Bauarbeiter gleichzeitig alle Maschinen auf der Baustelle in Betrieb nahmen war falsch. Es war wohl Olga, die die Kupplung nicht ausreichend durchgetreten hatte. Aber auch hier gilt: üben, üben, üben. Und da sich Olga wirklich Mühe gab, wurde das Ganze auch immer besser.

Somit überstanden wir den Rest der Fahrstunde ohne nennenswerte technische Defekte und wir tauschten wieder unsere Plätze. Olga war offensichtlich erleichtert. Teils, weil sie sich doch recht wacker geschlagen hatte, besonders aber, weil die Stunde zu Ende war.

 
 

2.Fahrstunde

Zwei Tage später. Olgas zweite Fahrstunde steht an und sie ist wieder pünktlich in der Fahrschule. Heute fahren wir wieder auf den Parkplatz. Mal sehen was sie so alles von der ersten Stunde noch behalten hat.

Also mal wieder Plätze tauschen. Olga beginnt sich den Sitz einzustellen. Alles geht diesmal schon relativ zügig und lange einleitende Worte können wir uns heute ersparen. Sitz passt, jetzt die Spiegel einstellen. Olga dreht am richtigen Knopf und……nichts passiert. Olga: “Es geht nicht!“ Ich frage: „Was?“ „Die Spiegel lassen sich nicht einstellen.“ Ich: “Wirklich?“
Olga: „Ja, wirklich.“ „Na dann muss irgendwas kaputt sein“ Olga sagt: „Glaub nicht“ „Na dann lass dir mal was einfallen“ Olga tritt auf die Kupplung und startet einen neuen Versuch, leider erfolglos. Ich gebe ihr das Stichwort: „Lenkradschloss.“ Olga dreht am Lenkrad. „Geht auch nicht.“ Plötzlich hat Olga eine Erleuchtung. Lenkrad und Zündschlüssel gleichzeitig drehen und welch ein Wunder – es funktioniert. Die Spiegel sind heute schnell eingestellt. Es kann losgehen.

Ich sage zu Olga: „Fahr mal nach links“. Olga startet den Motor und lässt langsam die Kupplung kommen. Nichts bewegt sich. Ach ja, Gang fehlt. Das Ganze nochmal mit Gang. Wir setzen uns in Bewegung. Ich sage: „Stopp“. Olga stoppt - und wie. Alles bewegt sich wieder nach vorn. Olga: „Was los?“ Ich: „ Du musst blinken bevor du losfährst“. Olga blinkt nach links. Und wieder geht’s los. Diesmal mit links blinken, nur leider fährt Olga nach rechts. Egal, Blinken ist Blinken. Feinheiten kommen im Laufe der Zeit dazu. Nach einigen Runden immer linksrum wechseln wir unsere Strategie. Es geht nun rechtsrum. Olga schaltet den Scheibenwischer ein. (Manchmal erinnere ich mich an einen ehemaligen Fahrschüler, seines Zeichen ein Computerfreak, der Blinken definierte als „ Strategiewechsel anzeigen mit gelbem Licht „). Ich frage Olga: „Regnet es auf deiner Seite?“.  Olga sieht mich fragend an. Ich sage: „Du hast den Scheibenwischer eingeschaltet.“ „Welchen Scheibenwischer?“ „Na, den da“. Ich deute auf den Wischer, der sich quietschend über die Scheibe quälte und sich wahrscheinlich fragte, warum er bei über 20 Grad und Sonnenschein arbeiten sollte. Also Scheibenwischer wieder aus. Eigentlich erwartete ich, dass sich irgendetwas anderes einschalten würde, aber alles blieb friedlich.

So langsam kommt etwas System in die Sache und Olga wagt auch schon den ein oder anderen Blick zur Seite. Es ist erstaunlich, dass viele Fahrschüler den Eindruck hinterlassen, sie würden sich im Kino einen spannenden Film ansehen. Die Augen festgesaugt an der Frontscheibe, fehlt nur noch der vorsichtig tastenden Griff mit der Hand, auf der Suche nach der Tüte mit den Kartoffelchips.

Noch einige Runden auf dem Parkplatz. Rechts rum, links rum, 1.Gang – 2.Gang. Ich sage zu Olga: „So jetzt fahren wir mal runter vom Parkplatz“. Olga: „Was – auf die Straße??“ Wo sonst? Das Fahren auf Gehwegen ist ja verboten. Olga kapituliert.

An der Ausfahrt steht das Zeichen „Vorfahrt gewähren“. Überflüssig, müssen wir sowieso, wenn wir den Parkplatz verlassen. Und Olga hat offensichtlich in der Theorie aufgepasst. Ich sage: „Na los.“ Olga bleibt stehen. „Fahr ruhig los“, sage ich. Olga: „Da kommt jemand“. Hatte ich was übersehen? Ich beuge mich weiter nach vorn. Stimmt, da war ein Auto, gefühlt jedoch noch in einem anderen Stadtbezirk. Was soll’s, unsere HU hält das aus. Wir warten. Kurz darauf parkt der andere Wagen in einer Parklücke ein. Das Warten war umsonst. Aber lieber so rum, als umgekehrt. Geduld zeichnet den guten Autofahrer aus. Jetzt ist alles frei und Olga fährt los. Erstaunlicherweise sogar schön langsam. Es geht nach rechts. Ein enger Bogen wäre jetzt von Vorteil. Olga kommt links an. Der Bogen hätte jedem Engländer Respekt abgerungen, aber die fahren ja bekannterweise auch links auf der Fahrbahn. Verrücktes Volk. Es folgt eine kleine Seitenstraße. Da wir uns in einer ‚Zone30‘ befinden, ist hier alles ‚Rechts vor Links‘ geregelt. Olga soll rechts abbiegen. Blinker rechts, Olga fährt rechts. Jetzt bin ich verwirrt. Den anschließenden Linksbogen nehmen wir recht elegant, wenn man mal davon absieht, dass zwischen Reifen und Bordsteinkante wohl kaum noch ausreichend Platz für eine Briefmarke gewesen wäre. Jetzt geht es geradeaus. Also Gas geben. Und Olga gibt Gas. Diesmal bewegt sich im Auto alles nach hinten. Wir auch. Olga: „Oh mein Gott, ist das schnell!“. Zum Glück ist die Straße hier etwas länger und so können wir uns auf die richtige Geschwindigkeit einpegeln. Der einzige Nachteil, es handelt sich um eine Sackgasse. Somit währt die Freude nicht sehr lange. Olga muss wenden. Unsere Sackgasse hat am Ende einen schönen Wendekreis. Es wäre ein leichtes, hier einfach einen engen Bogen nach links zufahren und alles wäre gut. Aber wir sind nun mal in Berlin, und was noch schlimmer ist, wir sind in Berlin-Mitte. Das Zentrum von Alternativen und alternativem Verhalten. Dass im Wendekreis ein DHL-Fahrzeug steht überrascht nicht. Das aber Radfahrer und Fußgänger die Fahrbahn als ein regelfreies Refugium ansehen ist nicht mehr normal. Somit muss Olga wieder bremsen. Wir bewegen uns wieder nach vorn. Dafür haben wir aber einem Fußgänger das Leben gerettet, der vor unserem Auto die Straße überquerte und weder nach rechts oder links schaute. Wie auch, wenn man dabei auf sein Smartphone schaut. Weiter geht’s. Olga wendet langsam, ganz langsam. Diesmal haben wir zur Bordsteinkante viel Abstand. Reicht wenigsten für zwei bis drei Briefmarken. Dann wieder gerade Strecke und wieder Gas geben. Und wir bewegen uns wieder nach…., nein diesmal nicht. Wir beschleunigen soft und es fühlt sich an, als würde das Auto nur so über die Straße schweben. Olga freut sich. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie ein kleines Lob erwartete. Wie sollte ich auch den fragenden Blick zu mir anders auslegen. Leider neigen Fahranfänger am Anfang immer dazu, wenn sie nach rechts oder links schauen, auch automatisch dahin zu lenken. Olga auch. Kein Problem, war noch locker Platz für eine Briefmarke. Ich sagte trotzdem zu Olga: „Das war gut“. Notlügen sind für Fahrlehrer aus didaktischen Gründen generell zulässig.

So, nun wieder zurück in Richtung Parkplatz. Also geht es wieder nach rechts. Olga blinkt nach links. Alles wieder wie  gewohnt. Ich sage: „Blinker rechts“ Olga: „Ich habe sonst nie Probleme mit Rechts oder Links“. Es ist ein Phänomen, dass Fahrschüler offensichtlich nur in der Fahrstunde damit Probleme haben. Olga ist da nicht die einzige. Es liegt wohl an der durchaus vorhandenen Aufregung. Aber mit der Zeit legt sich das wieder, meistens zumindest. Olga will jetzt vor dem Abbiegen in den ersten Gang schalten. Eigentlich eine gute Idee. Die Straßen hier sind relativ eng und der Platz ist begrenzt. Eine gute Idee also, wenn auch das Tempo passt. Olga schaltet bei über 20 km/h in den ersten Gang zurück. Obwohl das Getriebe versucht sich dagegen zu wehren gewinnt Olga diesen Kampf. Kraft hat sie, keine Frage. Kupplung wieder loslassen und das Auto bremst ruckartig ab. Alles bewegt sich mal wieder nach vorn. Olga: „Warum hast du gebremst?“. „Ich habe nicht gebremst“. Olga: „Ach, wer denn dann?“. Spätestens jetzt wusste ich, dass die weiteren Fahrstunden mit Olga lustig werden würden.

Den Rest der Stunde verbringen wir damit durch die kleinen Seitenstraßen zu fahren, rauf auf den Parkplatz und wieder runter. Abbiegen nach rechts, abbiegen nach links. Inzwischen sogar mit den notwendigen Schulterblicken, zumindest hin und wieder. Auch das Schalten klappt schon ganz gut, wenn auch mit der ein oder anderen Ausnahme.

Olgas Resümee an Ende der Stunde: „Ich finde den ersten Gang am besten!“.

 

 

3.Fahrstunde

Der Plan für heute sieht vor, dass Olga gleich von der Fahrschule aus losfährt. Das Umkreisen von Fahrgeschäften auf irgendwelchen Parkplätzen bringt uns nicht mehr weiter. Olgas Begeisterung hält sich im Rahmen. Aber sie fast allen Mut zusammen und begibt sich auf den Fahrersitz. Es folgt das Übliche, Sitz und Spiegel einstellen. Sitz ist erledigt – nun die Spiegel. Olga wird etwas unruhig. Sie dreht am Schlüssel, nichts passiert. Jetzt dreht sie am Lenkrad, es passiert wieder nichts. „Ich glaub, ich hab das vergessen“. „Was?“ „Na das mit dem Lenkradschloss“. Da Olga keinen Telefonjoker hat, sage ich ihr, das man ja auch zwei Dinge gleichzeitig machen könnte und Olga strahlt. „Ach, ja“. Diesmal macht sie alles richtig, Lenkrad und Schlüssel gleichzeitig drehen – die Spiegel sind schnell eingestellt. An dieser Stelle denke ich mir oftmals, was wohl passieren würde, wenn ein Fahrer den ADAC ordern würde, weil sein Fahrzeug defekt sei und sich nicht mehr starten ließe. Ich kann mir gut vorstellen, dass der gelbe Engel anschließend blau wäre.

Olga ist startbereit. Einmal tief durchatmen und Olga sagt: “Gott steh mir bei!“. Es wäre gar nicht schlecht, wenn er auch mir beistehen würde, denke ich mir. Wir fahren los. Erstaunlich gut sogar. Ohne Rucken oder gar Abwürgen des Motors. Geht gut los. Langsam fahren wir durch die kleinen Gassen, abseits der großen Vorfahrtstraßen. Eigentlich ist hier eine recht ruhige Gegend. Übersichtliche Kreuzungen und überall ausreichend viel Platz. Zumindest, wenn man alleine wäre. Aber da sind sie: Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer, Kinder, alte Leute…alle um uns herum. Schon Mutti hat immer gesagt: Augen auf im Straßenverkehr!  Fakt ist, man kann nicht so dumm denken, wie sich andere verhalten können.

Dann kommt die erste Kreuzung, rechts vor links geregelt. Olga schaut, wie sie es gelernt hat zuerst nach links. Nichts zu sehen. Olga schaut sicherheitshalber lieber etwas länger nach links. Immer noch nichts zu sehen. Dafür sehe ich, dass sich ein Pkw von rechts nähert. Sicherheitshalber bremse ich und kurz darauf fährt der Pkw vor uns über die Kreuzung. Kein Problem, er hatte ja Vorfahrt. Nur Olga bekam einen Schreck. „Den hab ich ja gar nicht gesehen!“ Na, wie auch. Das Timing beim Autofahren, sich seine Zeit optimal einzuteilen, ist gerade am Anfang sehr schwer. Aber wer mit fast 10 Metern pro Sekunde in einer Zone 30 unterwegs ist, kann halt nicht sekundenlang nur zu einer Seite sehen. Aber wie immer, auch hier gilt: üben und immer wieder üben. (Alter Witz: Wie kommt man von Mitte nach Pankow?  Üben, viel üben!).

Aber Olga ist lernfähig und sie schaut nun rechtzeitig nach rechts. Das der ein oder andere Blick nach links dafür auf der Strecke bleibt, liegt in der Natur der Sache. So bleibt halt immer noch Luft nach oben.

Wir steuern mal wieder auf die nächste Kreuzung zu. Diesmal soll Olga nach rechts abbiegen. Also Blinker rechts. Sollte sich Olgas Problem mit rechts und links schon gelöst haben? Na lieber mal abwarten. Olga macht doch schon einen eher angespannten Eindruck. Ich frage Olga. „Atmest du noch?“. Olga antwortet nicht. Ich gehe erst mal davon aus, dass sie noch atmet. Glaube, dass man es merken würde, wenn es nicht der Fall wäre.

Olga sagt auf einmal: „Ich sehe Mensch!“. Wie jetzt, war der Satz schon zu Ende? Ja, war er. Nicht selten verfallen Fahrschüler ausländischer Abstammung, obwohl sie die deutsche Sprache gut beherrschen, in Stresssituationen oft wieder in ihre Muttersprache zurück. Es ist dann nicht immer einfach, den Äußerungen zu folgen. Bei Olga ist das anders, sie verkürzt ihre Sätze auf das Notwendigste.

Ich sehe auch Mensch, will vor uns die Fahrbahn überqueren. Und da wir abbiegen und er von vorne kommt, hat er uns gegenüber Vorrang. Jetzt müsste Olga bremsen. Aber Olga bremst nicht.  Na gut, bremse halt ich. Olga schaut mich fragend an. Ich erkläre ihr die Sache mit dem Vorrang der Fußgänger beim Abbiegen. Olga: „Ja, ich weiß“.“ Aber warum bremst du dann nicht?“. Olga: „Der wollte ja nicht!“. Ich: „Ach ja?. Woran hast du das denn erkannt?“ Olga: „Der ist ja stehen geblieben!“.  

Zum Glück ist heute keine Prüfung. Der Kommentar des Prüfers wäre gewesen: ‚ Das ist auch gut so, sonst wäre er jetzt tot. Oder laufen Sie vor ein fahrendes Auto? ‘ Ein durchaus schlagendes Argument, zumindest, wenn man mal etwas genauer darüber nachdenkt.

Kurz darauf erscheint rechts am Fahrbahnrand ein Fußgänger. Olga; „Ich sehe Mensch – ich bremse“. Ich sage zu Olga, dass der Fußgänger diesmal warten müsse, weil er von rechts kommt und wir ja auch nicht Abbiegen würden. Aber von solchen Nebensächlichkeiten lässt sich Olga nicht beeindrucken. Olga sieht Mensch, Olga bremst. Und Olga bremst mal wieder richtig. Hinter uns quietschen die Bremsen eines Fahrrades. Gefolgt von einem Kommentar des Radfahrers, der wohl sinngemäß so etwas wie Penner oder Arsch bedeutet sollte. Der Fußgänger hatte inzwischen 2 bis 3 Schritte zurückgemacht und beobachtet das Spektakel. Der Radfahrer überholte uns, ohne zu vergessen, uns dabei noch den Mittelfinger zu zeigen. Obwohl sich auf dem Autodach ein Fahrschulschild befindet, dass den Nachfolgenden auffordert, etwas mehr Abstand einzuhalten und mit nicht immer logischen Reaktionen zu rechnen, ist der Erfolg eher gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein ausländischer Tourist uns zuwinkt, da er das Fahrschulauto für ein Taxi hält, dürfte da schon größer sein.

So tief Luft holen und weiter geht‘s. An der nächsten Ecke wieder nach rechts, Olga blinkt mal wieder nach links, fährt aber nach rechts – immerhin. Diesmal ist kein Fußgänger zu sehen. Somit kann Olga zügig abbiegen. Inzwischen ist sie schon entspannter. Es kommt ein wenig das Gefühl von Sicherheit auf. Ein meist kritischer Zeitpunkt, da Fahrschüler dann übermütig werden und sich auch überschätzen. Ich sag zu Olga: „Fahr etwas langsamer, man weiß nie was kommt“.  Olga: „Wieso. Hast du Angst?“. Verrückte Welt!

Die nächsten Minuten vergehen ohne größere Zwischenfälle. Natürlich nicht ohne Fehler, aber das ist in der 3. Fahrstunde auch nicht zu erwarten. Im Gegenteil, es ist schon eine solide Leistung, gemessen an der Anzahl der Fahrstunden.

Da sich die Fahrstunde dem Ende zuneigte, begaben wir uns so langsam wieder in Richtung Fahrschule. Olga schwant nichts Gutes. Das Ende einer jeden Fahrt dürfte wohl das Parken sein. Und natürlich auch das Ende unserer Fahrstunde. Irgendwie hatte Olga gehofft, dass ich das Auto einparken würde. Aber warum? Wir hatten ja noch Zeit genug und somit war klar: Es folgt nun Einparken in 20 Zügen.

Also zuerst mal eine Lücke finden. Aber wir hatten Glück. Eine Lücke auf der rechten Seite zum quer Einparken, groß genug für 3 Pkw’s. Jetzt Blinker rechts und schön langsam fahren. Olga: „Da soll ich einparken? Die ist doch viel zu klein“. Ich sage: „Nein, die ist sogar sehr groß. Da kannst du ja mit geschlossenen Augen reinfahren“. Rückwärtsgang einlegen, Lenkrad rechts drehen, fließenden Verkehr beobachten – langsam losfahren. Olga folgt meinen Anweisungen und ich komme mir mal wieder vor, wie jemand der mit einer Fernbedienung ein Spielzeugauto einparkt.  Meine Äußerung mit den geschlossenen Augen sollte eigentlich nur eine lustige Bemerkung sein. Ich konnte ja nicht wissen, dass Olga sie als Aufforderung auffasste. Man muss halt überlegen, was man sagt. Irgendwie stehen wir aber  nun in der Parklücke. Nach diversen Korrekturen. Jetzt müssten rein rechnerisch noch zwei Parkplätze neben uns frei sein. Sind sie aber nicht. Dafür können wir beide locker aussteigen.
Wer da meckert, soll das erstmal nachmachen – mit geschlossenen Augen.

Heute verabschiedet sich Olga mit den Worten: „Ich geh jetzt erstmal nach Hause, ich glaube ich sollte mal duschen.“  

 

4.Fahrstunde

Da die letzten Fahrstunden ja schon einigermaßen zufriedenstellend waren, wagen wir uns heute mal auf die größeren Straßen. Raus aus den kleinen Seitenstraßen, hinein ins Großstadtgetümmel. Olga ist wie immer guten Mutes, sie hatte nicht vergessen, vor dem Losfahren den lieben Gott mal wieder um Beistand zu bitten. Viel beschäftigt der Mann. Und so fahren wir in Richtung unseres zukünftigen Prüfungsgebietes. Unser Ziel ist Berlin-Friedrichshain. Der Weg dahin führt durch kleine Gassen mit rechts vor links, vor allem aber auch über große Vorfahrtstraßen mit zwei oder drei Fahrstreifen, inclusive schöner Fahrradwege. Und es sollte nicht lange dauern bis sich Olga das erste Mal so richtig aufregen konnte.

Wir fahren also auf einer klassischen Vorfahrtstraße, zwei Fahrstreifen, rechts parkende Fahrzeuge, auf dem Gehweg ein Radweg, deutlich abgegrenzt von den Fußgängern. Dann sah ich das Elend kommen, bzw. vor uns fahren. Ein Radfahrer, natürlich nicht auf dem Radweg, sondern direkt vor uns auf der Fahrbahn. Er sah eigentlich mehr aus wie eine rollende Litfaßsäule. Quer über den Rücken prangte der Schriftzug ‚Telekom‘. Wie das? Müssen die Mitarbeiter der Telekom nicht auch am Vormittag arbeiten? Irgendwie sah der Typ so aus, als hätte Mutti ihn in einen viel zu kleinen Strampelanzug gestopft. Olgas Gesichtsausdruck ändert sich. Sie sieht jetzt nicht mehr so entspannt aus. “Darf der das?“ fragt Olga. Ich sage: “Nein. Da ist ja ein ausgeschilderter Radweg“. „Warum macht er das dann?“.

Eine berechtigte Frage in Anbetracht der Tatsache, dass Radfahrer immer mehr Radwege fordern. Warum, wenn man die vorhandenen nicht mal benutzt? Zumindest dann, wenn sie auch befahrbar sind. Da wir zu den parkenden Fahrzeugen einen Sicherheitsabstand von einem Meter hatten und wir aber den Radfahrer überholen wollten, musste Olga den Abstand vergrößern. Zum Radfahrer benötigt man bekannterweise anderthalb Meter Sicherheits- abstand, wenn man ihn überholen will. Also links absichern, links blinken, vorbei am Radfahrer und wieder nach rechts. Hat gut geklappt. Plötzlich staute es sich vor uns ein wenig. Wir werden notgedrungen langsamer. Die Kunst beim Autofahren besteht nun nicht nur darin, selbst keine Fehler zu machen, sondern die möglichen Fehler der Anderen einzukalkulieren. Und damit sind eigentlich schon erfahrene Fahrzeugführer überfordert. Man kann halt nicht so dumm denken, wie andere fahren können.

Und es kommt, wie es zu erwarten war. Der Radfahrer fährt ungebremst rechts an uns vorbei. Notgedrungen so dicht zwischen uns und den parkenden Fahrzeugen, dass ich schon dachte: Das war‘s mit dem Außenspiegel. Aber Glück gehabt. Was nicht zu erwarten war, dass der Radfahrer zu uns rief: “Man, anderthalb Meter Sicherheitsabstand, noch nie was davon gehört?“ Irgendetwas lief hier falsch. Olgas Gesichtsfarbe hatte sich inzwischen ein wenig ins rötliche verfärbt: „Diese verdammten Fahrratten!“.

Wie jetzt: ‚Fahrratten?‘. Den Begriff hatte ich bis jetzt noch nicht gehört. Den Begriff ‚Kampfradler‘, den kannte ich, aber Fahrratten noch nicht. „Wo hast du denn das her?“ fragte ich Olga. „Sagt mein Vater immer.“ war Olgas Antwort. Wieder mal ein Beispiel dafür, dass man auch von den Fahrschülern was lernen kann. Und während ich mir denke, das Olgas Vater offensichtlich ein sehr intelligenter Mensch seien muss, fallen mir einige Bilder aus einem alten Film ein. ‚Der dritte Mann‘ mit Orson Wells, in dem in der Wiener Kanalisation wilde Verfolgungsjagden stattfanden. Und natürlich Ratten, von allen Seiten, kreuz und quer. Ein wildes Gewusel, wie auf unseren Straßen.

Natürlich gibt es auch Radfahrer, die sich völlig normal verhalten. Aber sehr viele von den Kollegen könnte ich mir schon als Statisten in Filmen vorstellen, die dann wahrscheinlich nicht jugendfrei wären.

Plötzlich holt mich etwas wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Alles im Auto bewegt sich mal wieder nach vorn. Olga: „Sorry, hab die Pedale verwechselt!“

Ganz gut so, denn der Wahnsinn um uns herum erfordert volle Konzentration. Die nächsten Minuten verlaufen mal wieder ohne größere Zwischenfälle und da Olgas Gesichtsfarbe sich wieder normalisiert hat, suchen wir für Olga eine schöne Parklücke. Es soll ja schließlich nicht langweilig werden.

In einer kleinen Seitenstraße sehe ich mehrere Parklücken. Rechte Seite zum längsparken. Ich sage zu Olga: „Parke mal hinter dem blauen BMW da ein“: Nun müsste Olga neben dem BMW anhalten. Macht sie aber nicht. Olga fährt weiter bis zum nächsten Auto. Kein BMW. Nun kennt sich ja auch nicht jeder mit Autotypen aus. Es ist ja auch zum Fahren nicht notwendig, kann aber hilfreich sein. Aber Farben zu erkennen wäre nun wirklich nicht schlecht. Wir standen auf jeden Fall neben einem roten Ford. Offensichtlich wollte Olga vor dem BMW einparken. Ich sehe, dass die Lücke ziemlich klein ist, aber gut, jeder ist seines Glückes Schmied. Olga legt los. Erster Versuch: Viel zu früh lenkt Olga nach rechts. Unser Rückfahrpieper meldet sich. Olga hält an: „So ein Mist!“ Zweiter Versuch: Olga dreht zu spät nach links. Wieder meldet sich der Rückfahrpieper. Ich sage zu Olga: „Findest du die Lücke nicht etwas klein?“. Nun wird Olga etwas unwirsch. „Du hast gesagt, ich soll hier einparken. Ist doch nicht meine Schuld“. „Ich habe gesagt, du sollst hinter dem BMW einparken“. „Na mach ich doch.“ „Wo bitte ist für dich hinten?“. Jetzt stelle ich mir vor, wie Olga bei Netto an der Kasse steht, der nächste Kunde sich hinter Olga anstellt und Olga sich mit dem Worten umdreht: „Nun drängeln Sie sich mal nicht vor!“.

Na gut. Es ist an der Zeit, mal die einfachsten Dinge des Lebens zu klären. So etwas wie vorn und hinten, rechts und links hatten wir ja schon. Zum Glück will Olga keinen Pilotenschein erwerben, dann müssten wir uns noch über oben und unten unterhalten.

„Na Olga, wo am Auto ist der Auspuff?“. Olga ist offensichtlich nun etwas beleidigt. „Na hinten. Bin ja nicht blöd!“. Ich ignoriere den Kommentar mal lieber, Olga ist ja bekanntlich ganz schön stark. „Ach ja, und wenn du hinter dem BMW stehst, was müsstest du dann sehen?“. Olga ist nun leicht verunsichert. „Den Auspuff…?“. „Richtig!“.

Also das Ganze noch einmal, diesmal hinter dem BMW. Jetzt hätte nur noch gefehlt, dass der Besitzer des BMW kommt, einsteigt und unsere Parklücke somit wegfahren würde. Aber mal wieder hatten wir Glück und der neue Versuch war nun viel erfolgreicher. Nach einigen Korrekturzügen ist Olga zufrieden und sagt: „Fertig!“. Sie sieht mich fragend an. Irgendwie habe ich gar keine Lust mehr zum Einparken üben. Ich sage zu Olga: „Ganz toll, den Rest zur Bordsteinkannte kann ich ja laufen“.

Am Ende der Stunde kommt Olga zu der Erkenntnis; „Das mit dem Einparken ist gar nicht so einfach. Ich denke, dass muss ich wohl noch üben.“

 

5.Fahrstunde

Heute wollen wir Olgas Erkenntnis von der letzten Fahrstunde, dass es mit dem Einparken gar nicht so einfach ist, nutzen und das Einparken mal intensiv üben. Auf dem Weg zu unserem Auto, Olga den Zündschlüssel schon in der Hand, steuert zielbewusst auf einen schwarzen BMW zu. Die Wahl des Fahrzeugs ist gar nicht so schlecht, nur fahren wir seit der ersten Fahrstunde mit einem grauen VW-Golf. Und an der Seite prangt eine relativ große Werbung der Fahrschule. Ich hätte natürlich fragen können, was los ist. Aber warum. Irgendwie wird sich die Sache schon klären. Olga hält die Fernbedienung zum Auto, gerade so als wolle sie es erschießen. Nichts passiert! Zumindest blinken die Blinker des BMW nicht auf, wie man es erwarten würde, wenn die Türen entriegelt werden. Das passiert jedoch vier Fahrzeuge weiter in der Reihe, wo unser Fahrschulauto steht. Dies wird von Olga mal einfach ignoriert. Ich will die Sache etwas abkürzen, wir haben noch einiges vor, und sage zu Olga: „Du musst immer da einsteigen, wo es blinkt“. Olga sieht mich fragend an, während sie erneut auf den Knopf drückt, der die Fahrzeugtüren entriegelt. Diesmal registriert sie aber das Blinken unseres Autos. Olga sagt nur: „Ach der da!“. Wieder geht sie zielstrebig auf unser Fahrzeug zu, nun kann ja auch nichts mehr schief gehen.  Ich frage Olga, ob sie ihr Fahrschulauto nicht erkennen würde, zumal doch die Werbung an der Seite wäre. Olga: „Die Werbung ist aber neu. Ich würde das Auto doch sonst sofort erkennen“.  „Nein, die war schon immer dran“. Olga zweifelte an meinen Worten, aber ein leichtes Grinsen konnte sie doch nicht verbergen. „ Dann sind wir das letzte Mal mit einem anderen Auto gefahren“ sagt Olga beharrlich. Gegen so viel Logik komme ich nicht an. Immerhin erklärt es, warum man hier so schwer einen Parkplatz findet. Es liegt an den anderen 500 Fahrschulautos, die hier so rum stehen müssen. Was soll‘s, es kann ja noch schlimmer kommen und ich erinnere mich an einen Fahrschüler, der anstatt in unseren Golf, in ein weißes Cabrio einsteigen wollte. Hand drauf -  nicht gelogen! Was für eine optimale Verkehrsbeobachtung!

Nach den üblichen Vorbereitungen ist Olga wieder einsatzbereit. Es folgte das inzwischen obligatorische ‚Gott steh mir bei‘ und wir fahren los. Nach einigen Minuten sind wir in einer Zone 30, Parkplätze ohne Ende. Olga darf sich eine Lücke aussuchen und entscheidet sich – für die kleinste Lücke die zu sehen ist. Na gut, das übt. Nun ist das mit dem Einparken so eine Sache. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten Einzuparken, wobei die eine genauso gut wie die andere seien kann. Wichtig  ist es, überhaupt einen Plan zu haben. Und Olga hatte einen Plan. Wenn auch den falschen. In der letzten Fahrstunde musste Olga einige Male quer zur Fahrrichtung parken. Diesmal war die Lücke aber längs zur Fahrtrichtung. Olga hatte aber wohl noch das Querparken im Kopf. Somit fährt sie viel zu weit vor. Jetzt den Rückwärtsgang einlegen, Lenkung voll nach rechts einschlagen und wir könnten bei unserem Nachbarn locker auf die Rückbank fahren. Aber es kommt anders. Olga dreht das Lenkrad bis zum Anschlag nach links. Somit ist das mit der Rückbank kein Problem mehr, aber der Motorhaube droht eine sogenannte Kaltverformung. Zum Glück hat Olga doch schon viel Gefühl für ihre Kupplung entwickelt. Wir fahren somit schön langsam an und Olga merkt, dass unser Auto nicht das macht, was sie geplant hat. Also Stopp. Ich sage zu Olga: „Du musst immer dahin lenken, wo du auch hin willst“. Olga dreht sich um und sagt: „Na, nach links“. „Sieh mal wieder nach vorn. Wohin musst du lenken?“ „Nach rechts“. Als wenn sich Rechts und Links ändern würden, nur weil man sich mal umdreht. Manchmal neigt man dazu einfache Dinge zu verkomplizieren. Aber Olga ist pfiffig. Sie macht die wichtige Erkenntnis, dass die Ausgangsposition beim Einparken extrem wichtig ist. Also alles nochmal von vorn. Und diesmal klappt alles wie geplant. Aber man sagt ja: ‚Einmal ist keinmal‘. Also nochmal üben. Nach diversen Wiederholungen scheint Olga es begriffen zu haben mit dem Einparken. Nicht immer perfekt, aber doch ausreichend gut.

Um Olga etwas Entspannung zu gönnen, fahren wir einfach einige Straßenzüge ab. ‚Rechts vor links‘ Kreuzungen sind für Olga kein Problem mehr. Deutlich schauen, immer bremsbereit sein, Olga hat alles unter Kontrolle. Kein Problem? Na nicht so ganz! Da sind ja noch die anderen Verkehrsteilnehmer. An einer Kreuzung kommt ein Radfahrer von links. Olga sieht ihn rechtzeitig und beobachtet ihn. Der Radfahrer sieht uns an und müsste nun anhalten. Aber weit gefehlt. Der Radfahrer lächelt freundlich (im Nachhinein würde ich doch sagen es war mehr ein Grinsen), hebt die rechte Hand, als wolle er sich bedanken und fährt weiter. Mit Vorfahrtgewähren hatte er es wohl nicht so. Olga bemerkt zu Recht: „Wer so Fahrrad fährt, sollte wenigsten einen Helm tragen“. Ich sage zu Olga: „Ein Helm hat nur Sinn, wenn etwas im Kopf ist, was man schützen sollte. Ich empfehle hier eher eine Hohlraumversiegelung“. Olga lacht.

Einige Zeit später will Olga nochmal Einparken. Immer gut, wenn Fahrschüler mal von sich aus etwas üben wollen. Also mal wieder eine Lücke suchen. Olga steuert auf eine, diesmal große Parklücke zu. Rechtzeitig blinken und sich der Parklücke langsam nähern. Wir stehen perfekt. Olga legt den Rückwärtsgang ein und fährt langsam los. Wie aus dem Nichts eischeint ein alter Opel hinter uns. Am Steuer ein älter Herr, vom Beruf mit großer Wahrscheinlichkeit Rentner. Alles wäre kein Problem gewesen, wenn Opa nicht vorwärts in die Parklücke hätte fahren wollen, die sich Olga schon erobert hatte. Warum nun ausgerechnet er diese Lücke auswählte erschließ sich mir nicht. Zumindest nicht sofort. Erst einmal hatte man das Gefühl die Welt steht still. Olga bewegt sich nicht, Opa auch nicht. „So ein Idiot!“. Olga ist sauer. Zurecht, auch ich ärgere mich über das Verhalten des Nachfolgenden.

Nun muss man als Fahrlehrer ja immer ein Vorbild sein. Natürlich habe ich mir schon so manchen Kommentar verkniffen, den ich ohne die Anwesenheit eines Fahrschülers sonst schon von mir gegeben hätte. Aber nun interessierte mich schon was das Manöver hier sollte, zumal Opa schon in Begriff war auszusteigen und auf uns drauf zukam. „Das ist mein Parkplatz, ich wohne hier“: krakelte Opa gleich los und deutete auf den daneben liegenden Hauseingang. Ich wollte schon sagen: Tag Herr Nachbar, ich ziehe hier gerade ein. Aber wer will schon solche Nachbarn. „Was denken Sie, was wir hier machen, Wir wollen hier Einparken, sage ich zu Opa und bitte ihn wegzufahren. Keine Reaktion außer sinnlosem Gebrabbel.

Um eine Eskalation zu vermeiden, dachte ich mir, da nutz die Zeit und räume deinen Kofferraum mal auf. Also Klappe hoch und den Inhalt auf dem Gehweg ausbreiten. Opas Gesichtsfarbe verfärbte sich in Richtung Lila. Inzwischen war Olgas Interesse geweckt und ihr Kopf erschien im geöffneten Fenster. Plötzlich und unerwartet krabbelte Opa in sein Auto und fuhr los. Zirka 10 Meter weiter fuhr er in die nächste Parklücke. Komisch, dass Olga stark ist wusste ja nur ich. Vielleicht lag es aber an ihrem Gesichtsausdruck. „Jetzt weiß ich was man meint, wenn man sagt das Rentner nie Zeit haben“: sagt Olga. Nachdem wir unser Parkmanöver nun ungehindert beenden konnten fuhren wir wieder weiter.

Den Rest der Stunde verbrachten wir, abgesehen von der eigentlichen Fahrerei, damit über unsere lieben Mitmenschen zu sinnieren. Charakterliche Eignung beim Autofahren. Altersstarrsinn…Themen ohne Ende. Bei einer MPU soll mal jemand gesagt haben: ‚Nüchtern würde ich nie betrunken Autofahren‘. Es wäre vielleicht gar nicht schlecht, wenn einige Leute überhaupt nicht Autofahren würden.

Das war mal wieder eine ereignisreiche Fahrstunde und Olga verabschiedet sich mit den Worten: „Das mit dem Einparken war gar nicht so schlecht. Und man muss offensichtlich immer mit dem Schlimmsten rechnen!“.

 

Fortsetzung folgt 

   

 

 

 

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